Norwegen: Lofoten - 2018
Reisebericht
Auf der 1. Etappe geht es zunächst bei gutem Wetter bis zur Küste von Norwegen ganz flott voran. Dann wird das Wetter zunehmend schlechter: Das starke Hoch über Mitteleuropa lenkt die Tiefs nach Skandinavien. Südskandinavien erlebt 2018 einen schönen und warmen Sommer, während es weiter nach Norden zu immer schlechter wird. Dort sprechen die Leute von einem der schlechtesten Sommer seit langem. Nach 2016 glaubte ich eigentlich, dass es kaum schlechter werden könnte – aber in diesem Jahr 2018 muss ich mich eines Besseren belehren lassen.
Solavika, die weite Sandbucht westlich vom Flughafen Sola von Stavanger erreiche ich recht zügig in 7 Tagen und nach 416 sm (=> 60 sm/Tag; vø 4,5 kn). Dann wird das Wetter schlechter, d.h. es wird grau und nass, sowie stürmisch oder flau. So folgt bereits kurz darauf eine Zwangspause in der Vikinge-vågen beim Fensfjord, in der ich schon früher bei Schlechtwetter Schutz suchte. Es folgt ein toller Segeltag. Zuerst flott, dann recht gemütlich durch den Storackersund. Von der Ölbohrinsel, die ich vor 2 Jahren in einer Bucht gesehen hatte, ist außer ein paar Schwimmkörpern nichts mehr übrig: Sie ist vollständig abgewrackt worden. Mit dem einsetzenden Wind um S segele ich vor die Küste und Schären in offenes Wasser und komme sehr schnell voran. An Bremanger Landet fliege ich fast vorbei auf Statt zu. Doch es wäre wohl zu schön gewesen: Kurz vor dem Tagesziel zieht eine Schauerfront mit sehr viel Wind herauf und zwingt mich in der Stattvågen Schutz zu suchen. Der Seegang vor Statt ist wirklich zum Fürchten. Und in nur einer Stunde bin ich bis auf die Haut durchnässt. Zum Glück gibt es dort guten Ankergrund (Sand) vor dem von Molen geschützten Hafen, der für mich zum Ankern zu tief ist.
Es folgt ein ruhiger Tag, an dem ich die unbezeichneten Riffe außerhalb der Schären weit vor der Küste wegen der Brecher darauf gut ausmachen und beobachten kann. In Kvalsvik verbringe ich die Nacht. Mit dem angekündigten S-Wind hoffe ich dann schnell nach Ålesund zu kommen, um dort einen kurzen Stop einzulegen: Ich will mir neues Ölzeug kaufen, da das alte offenbar nicht mehr dicht ist (trotz Imprägnierung vor der Reise). Doch der Wind überlegt es sich nach einem morgendlichen Puster anders. So komme ich später als gedacht nach Ålesund. Ich besorgte mir eine neue Ölhose und steige noch zum Aussichtspunkt Aksla hoch, der immer wieder faszinierende Ausblicke bietet. Nachmittags segele ich weiter nach N. Der geplante Bojenplatz ist belegt. Da aber Sturm angekündigt ist, muss ich unbedingt einen guten Platz finden. So bleibt mir nichts anderes übrig als schon spät abends noch fast 30 sm bis kurz vor Bud zu motoren, wo ich einen gut geschützten Ankerplatz kenne. Es folgt wieder ein durch Sturm erzwungener Ruhetag.
Mittags hat der Wind endlich auf 20-25 kn abgenommen, so dass ich es wagen kann durch die Hustadvika zu segeln, wegen des oft chaotischen Seegangs neben Statt das gefährlichste Seegebiet an der norwegischen Küste. Ich kenne dieses Revier inzwischen ganz gut von früheren Reisen und weiß, worauf ich mich einlasse. Trotzdem bin ich froh, dass der Wind weiter nachlässt. Nach einem kurzen Tankstop in Kristiansund schleiche ich dann durch die Schären zur Trondheimsleia, wo ich für die letzte Seemeile zum Ankerplatz sogar noch die Maschine bemühen muss.
Wegen des Windes und der etwas eintönigen Strecke durch die Trondheimsleia entscheide ich mich westlich von Hitra nach N zu gehen und dann zwischen Freya und Hitra nach E. Später geht es vor achterlichem Wind Wind gut voran. Nachmittags bleibe ich lange vor der Küste, an der ich erst abends nach 72 sm und 13 Stunden (ø = 5,5 kn) in Roan an einer Tonne festmache.
Es folgt ein flauer Tag, nach nur 34 sm muss ich notgedrungen für die Nacht nach Utvorda laufen. Dies ist eine ehemalige deutsche Festung. Meine hochtrabenden Hoffnungen vom Morgen haben sich nicht erfüllt. Auch der folgende Tag ist wieder flau. Zum Glück schaffe ich es noch in eine schöne Anker- bucht (Sandvik) nördlich von Rørvik. Von dort hoffe ich die mir noch unbekannte Insel Vega zu erreichen um dort zu ankern. Aber der Wind schläft wieder ein, kaum dass er erwacht war, selbst der Genaker steht nicht mehr. So muss mich wieder Randaddel zu einer tollen kleinen Bucht westlich von Brønnøysund bringen, die wie ein Schlüsselloch geformt ist: Durch einen sehr schmalen Sund (ca. 10 m breit) geht es in eine kreisförmige, sehr gut geschützte Bucht.
Der folgende Tag ist wieder mäßig, meine Hochrechnungen fallen ins flaue Wasser - ich komme nur bis Løkta, einer kleinen Insel mit mehreren guten Ankerplätzen nördlich von Sandnesjøn. Aber am darauf folgenden Tag geht es sehr gut voran. Bei wechselnden Winden (von 0 - 30 kn ist alles geboten; vor - halb - am Wind) schaffe ich es durch die teilweise engen Schären bis Landego westlich von Bodø (86 sm in 14 Stunden = ø 6,1 kn). Dabei legt der Wind am Abend ziemlich zu, so dass ich beim Bergen der Segel noch ein haariges Manöver überstehen muss - Ich hätte halt doch früher reffen sollen (aber wenn es doch gerade so schön läuft ...).
Wenigstens kenne ich die schöne Bucht mit einer Boje zum Festmachen schon, wenn sie auch nicht ganz einfach in den engen Schären anzusteuern ist. Von diesem schönen Platz an der Westküste von Landego kann man sehr gut zu den Lofoten laufen: 40 sm über den Vestfjord. Laut Wetterbericht soll es zunächst noch guten Wind um Ost geben, der erst später gegen Abend mit einer heraufziehenden Front auf SW drehen soll. Aber wie es halt mit dem Wetter ist: Es entwickelt sich viel schneller als vorhergesagt: Der Himmel bezieht sich schon mittags langsam milchig mit Cirro- und Altostratus, die Sonne verblasst, der Wind nimmt ab. Etwa 2 Stunden oder ca. 10 sm habe ich noch vor mir, als der Wind plötzlich auf SW springt und schlagartig von fast 0 auf auf 20 kn zulegt. Und es wird nass. Dann, nach fast 2 Stunden, kann ich endlich unter der Brücke (18 m) zwischen den Orten Reine und Hamnøya hindurch in den Kirkefjord einlaufen. Ich freue mich schon auf einen ruhigen Abend - doch es kommt anders. Im Fjord überfallen mich Fallböen mit bis zu 40 kn, zwar immer nur wenige Minuten, doch bei auflandigen Sturm ist Ankern am Fjordende unmöglich. So muss ich mich gegen diese Sturmböen wieder zurückkämpfen, was mir nur mit Motorhilfe gelingt. Doch wohin? Zum Glück finde ich einen Anleger für Fischkutter, wo ein Platz noch frei ist. Mit großen Schwierigkeiten lege an dem recht groben und glitschigen Holzsteg an. Fast eine Stunde brauche zum abfendern und Leinen scheren. Und als ich dann endlich fertig bin - herrscht plötzlich Windstille. Nur hin und wieder kommt noch eine Fallbö jetzt aus Norden und drückt mich auf die Pier.
Am nächsten Morgen ist alles ruhig und ich kann wieder zum Fjordende laufen. Früher hatte ich dort geankert, was nicht ganz einfach ist. Heute ist es so ruhig, dass ich es riskiere in die sehr schmale Rinne zu einem Speicher zu laufen und an dessen Pier anzulegen: Dort liege ich sehr gut. Es folgt ein grauer Regentag. An die Wanderung über den Bergpass (ca. 200 m hoch) zur Horseidvika ist nicht zu denken.
Doch am folgenden Tag wird es wieder ruhiger und ich mache mich auf den Weg. Sogar die Sonne blinzelt hin und wieder durch die rasch ziehenden Wolken. Diese Wanderung ist zwar ziemlich anstrengend - erst über Stock und Stein sowie über glatte, nasse Felsplatten 200 m den Berg hinauf, dann auf der anderen Seite auf kaum erkennbaren, glitschigen Pfaden zwischen riesigen Felsblöcken hindurch wieder hinunter. Und anschließend liegt noch ein weiter Weg durch recht nasses, fast schon sumpfartige Wiesen bis zum Sandstrand vor mir. Kurz davor bilden viele Sandbuckel eine ungewöhnli-ches Bild, bewachsen mit und gehalten von Grasbüscheln. Dazwischen liegen rostige Eisenkugeln von Fischernetzen und verwittertes, angeschwemmtes Holz mit feinen Maserungen. Endlich erstreckt sich der weite Strand vor mir - doch um zu ihm hinüber zu kommen muss ich durch einen Bach waten, der in typischer Art quer davor liegt, bis er in weitem Bogen ins Polarmeer mit hohen Brechern mündet. Die- se Bucht begeistert mich immer wieder, auch wenn es diesmal ziemlich kalt und nass ist. Kaum vorstellbar, dass sich hier zwei norwegische Studenten im Winter eine Hütte aus angeschwemmten Materialien gebaut hatten, um von Dezember bis März die tolle Brandung zum Wellenreiten zu nutzen. Sie hatten sich dazu neben dem Strand einen Platz zwischen hohen Felsen gesucht, an deren westlichen, der See zugewandten Seite, eine wilde Brandung tost. 2016 hatte ich diese Bucht auch von See aus angesteuert. Das will ich auch dieses Jahr wieder versuchen. Auf diesen Felsen finde ich einen Platz für eine kurze Rast. Mit der eingepackten Brotzeit, etwas Schokolade und Wasser stärke ich mich.
Ziemlich durchnässt und verfroren mache ich mich dann auf den Rückweg. Und der wird hart: Irgendwie wollen meine Knie nicht mehr. Schon am Hinweg merkte ich, dass es bergauf zwar ganz gut ging, aber bergab schmerzten meine Kniegelenke. Und nun auf dem Rückweg ist es auch bergauf eine Qual - Ob ich es überhaupt wieder hinauf schaffe? Und dann wieder hinab? Ich muss doch einige Pausen einlegen und verschnaufen. Sehr langsam geht es voran. Offenbar habe ich doch nicht mehr die Kraft und jungen Gelenke für so anstrengende Wanderungen. Aber ich würde es wieder versuchen, denn dieser Weg und diese Bucht sind es wert. Wenn jemand mal nach Reine kommt: Von dort fährt mehrmals täglich ein kleines Motorboot zum Ende des Kirkefjord und bringt Wanderer zu diesem Ausgangspunkt für eine noch weitere Wanderung. Ich wundere mich immer wieder, wie viele junge Leute selbst bei hässlichstem Wetter diesen Weg einschlagen.
Als ich endlich im Nieselregen wieder unten am Fjord bin, kommen mit dem letzten Boot gerade wieder Wanderer an (es waren Polen) und machen sich nun schon in der Dämmerung auf den Weg hinauf zum Pass. Mit übervollen Rucksäcken und zusätzlich noch Plastiktüten in den Händen. Ich wünsche ihnen viel Glück, ziehe mich selbst dann in die warme, trockene Kajüte zurück, vertilge eine große Portion Tortellini mit Tomatensoße und spüle mit Wein nach.
Am folgenden Tag kommt nach dem Ablegen ein leichter Wind aus Südost auf, eigentlich ein guter Wind um an der Westküste der Lofoten nach Norden zu segeln- denke ich und mache mich auf den Weg. Ich kenne diese Strecke schon ganz gut. Zunächst geht es am Wind nach Süden zum Moskenstraumen vor einem wegen starker Strömungen nicht einfach zu überwindenden Kap. Man muss sorgfältig auf die Zeit achten, da der Strom tidenabhängig seine Richtung um 180 ° und Stärke von 0 - 6 kn ändert. Das habe ich heute richtig geplant und komme gut auf die Westseite.
Damit habe ich allerdings nicht gerechnet: Statt einer ruhigen Abdeckung gegen die Ostwinde gerate ich in Fallböen, die mit 30 - 40 kn über mich herfallen. Ich muss schließlich alle Segel bergen und kann nur mit Motor einen sicheren Kurs zwischen den Riffen hindurch steuern. So wird aus dem beabsichtigten schönen Ausflug entlang der wilden Küste ein ziemlich anstrengender und auch angespannter Schlag. Erst mittags lassen die Fallböen im Norden von Moskenes nach, die Westküste liegt hinter mir und ich kann wieder Segel setzen. Vor zwei Jahren war ich bei Windstille, 2001 und auch später war ich mit achterlichem Wind hier entlang gesegelt. Das waren immer faszinierende Tage. Aber dieses Jahr hätte ich gerne darauf verzichtet. Und wie zum Hohn schläft der Wind am Nachmittag vollends ein, so dass ich abends nur noch mit Motorhilfe den angepeilten Hafen Sande erreichen kann. Wenigstens finde ich in der weiten, von Molen umfassten Bucht sogar einen Schwimmsteg eines kleinen Småbåt-Hafens.
Es folgt ein Tag mit typisch bayrischem, blauweißem Himmel und starken Sturmböen um 35 kn, so dass ich es vorziehe in der geschützten Bucht zu bleiben. Am folgenden Tag auf der Rückseite der durchgezogenen Front kann ich dann weiter nach Norden zu den Vesterålen übersetzen. Die Sicht ist klar, der Wind mäßig bis wenig. Bei ruhigem Wasser nehme ich einen kurzen Weg durch die Riffe vor der Küste. Und dabei sehe zum ersten Mal seit ich hier segle nicht weit von mir entfernt einen Schwarm von Tölpeln auf der Jagd: Immer wieder stoßen sie im Sturzflug aus großer Höhe hinunter ins Wasser, legen kurz vor dem Eintauchen die Flügel pfeilartig an, tauchen ein und kommen mit Fischen im Schnabel wieder an die Wasseroberfläche. Der Start sieht zwar etwas beschwerlich und unbeholfen aus, aber kaum sind sie frei vom Wasser und haben etwas Tempo aufgenommen, fliegen sie wieder schnell und elegant. Ich habe diese Vögel schon weit von der Küste entfernt gesehen und beobachtet. Für mich sind es die tollsten Flieger. Ohne Flügelschlag segeln sie mit atemberaubender Geschwin- digkeit durch den Raum. Dagegen sind Möwen recht langsam, auch wenn diese faszinierend im Wind an Ort und Stelle schweben können.
Am Nachmittag noch erreiche ich die Sørsandvika und ankere auf 4 m in Sand. Es ist eine wunderschö- ne Bucht, die ich schon zum dritten Mal besuche. Ich weiß, dass es hier viele mittelgroße Köhler (Sei, Seelachs) gibt und werfe darum gleich meine Angel aus. Und sofort beißen die Fische. Mit zwei Würfen hole ich sechs Köhler aus dem Wasser - das Abendessen ist gesichert. Und auch für die nächsten 2 Tage gibt es noch Filets, die in die Kühlbox kommen. Da das Wetter umschlagen soll laufe ich abends zum Ankern in den nächsten Fjord zur Purkavik. Es ist schon dunkel, als ich dort ankomme. So ist es nicht ganz einfach im tiefen Wasser (ca. 8-10 m) den richtigen Platz zum Ankern zu finden, der bei drehenden Winden einerseits weit genug vom Ufer, aber andererseits auch von der Tiefe her noch passt.
Nach einer ruhigen Nacht treibe ich fast mehr als dass ich segeln kann nach Myre. Auf dem Weg dorthin besuche ich noch eine auf der Karte sehr vielversprechend aussehende Bucht. Aber die Zufahrt ist so schmal und von drohenden Felsen gesäumt, dass ich aufs Einlaufen verzichte: Noch in der Einfahrt lege ich den Rückwärtsgang ein.
In Myre warte ich zwei Regentage auf besseres Wetter. Dann kann ich unter Motor an der Nordsand- vika vorbei von Norden her wieder zur Sørsandvika laufen. Ich will dort wieder auf den 459 m hohen Vågsberg steigen, von dem man einen beeindruckenden Ausblick über die Vesterålen, die Lofoten und auf das Nordmeer hat. 2001 war ich zum ersten Mal hier und war überwältigt. Und auch dieses 3. Mal hat die Aussicht nichts von ihrem außergewöhnlichen Reiz verloren. Der Aufstieg ist sehr mühsam - es sind „nur“ 200 m bis zum ersten Plateau, ein Sattel, aber die sind sehr steil und ich habe auf dem Boot in den vergangenen 4 Wochen kaum Bewegung gehabt, so dass meine Kondition doch sehr nachgelassen hat. Oben geht es dann etwas ruhiger weiter, nachdem ich zunächst mal die durchge- schwitzten Pullis im kalten Wind etwas getrocknet habe. Ich kann es kaum beschreiben, diese weite Aussicht in klarer Luft nach Süden zu den Lofoten, nach Osten über die Gipfel der Vesterålen und nach Westen und Norden über das Eismeer. In der Ferne sehe ich den ehemaligen Fischerort Nyksund klar und deutlich. Ihn will ich auch noch besuchen. 11 Seeadler kreisen über den Riffen. Drei Rentiere beschatten mich. Sie umrunden mich, laufen weg und wieder heran. Sie sind neugierig und lassen mich nicht aus den Augen. Aber näher als etwa 20 m kommen sie nicht zu mir heran und lassen auch mich nicht näher kommen.
Trotz der Sonne fange ich bald zu frieren an, der kalte Wind und die durchgeschwitzte Kleidung fordern ihren Tribut. Allmählich muss ich wieder hinuntersteigen. Beim Abstieg streiken meine Knie wieder. Ich brauche viele Verschnaufpausen. Zum Schluss muß ich unten noch einen sumpfigen Streifen vor dem Strand queren, wo ich plötzlich bis übers Knie zwischen den Gräsern in ein Wasserloch einsinke. Mist. Mit völlig durchnässten Schuhen und Hosen erreiche ich mein Schlauchboot. Ziemlich erschöpft rudere zum Boot zurück. Dort wechsle ich die nassen Klamotten und wärme mich in der Sonne etwas auf. Den anstrengenden Tag beschliesse ich mit fangfrischen Fischfilets aus der Pfanne und Portwein im roten Sonnenuntergang.
Nach einer - Gott sei Dank - ruhigen Nacht brist der Wind morgens aus Süd auf. Der Seegang baut sich auf. Ich lichte meinen Anker, umfahre südlich die Riffe im Westen der Bucht und mache dann vor dem Wind gute Fahrt nach Norden. Aber vor Nyksund ist es mir schon wieder fast zuviel Wind. Vor dem Hafen berge ich alle Segel und laufe unter Motor vor dem holprigen Seegang in das enge, ruhige Hafenbecken ein. Nyksund ist ein ehemals verlassener Fischerort, der erst vor einigen Jahren von ei- nigen Idealisten aus Deutschland wieder belebt und hergerichtet wurde. Heute sieht man dort einige Hotels und Kneipen. Die Häuser stehen auf hohen Stelzen über dem Wasser des natürlichen Hafen- beckens . Anlegen dort ist für mich zu gefährlich. Am Ende des schmalen Hafens schwimmt ein Ponton. Ein Boot dümpelt davor und lässt nur einen kleinen Platz frei. Ich versuche zweimal dort gegen den Wind anzulegen, aber der Raum ist viel zu eng um ein vernünftiges Manöver zu fahren: Ich kann nicht so drehen, dass ich längs vor dem Ponton zum Stehen komme. So muss ich meine Absicht, dort anzu- legen und den Ort an Land kennen zu lernen leider aufgeben. Draußen vor dem Hafen empfängt mich der weiter zulegende Wind und ein bockiger Seegang, aber nachdem ich um die vorgelagerte Huk vor den Wind drehen kann, wird es wieder ruhiger. Nach der nächsten Ecke setze ich wieder Segel. Kaum sind sie oben, flaut der Wind wieder einmal ab. Mühsam passiere ich den Hafen von Stø (dort hatte ich 2016 ziemlich mühsam geankert). Dies ist der Wendepunkt, d.h. der nördlichste Punkt dieser Reise. Dann geht es an der Ostseite der Insel Langøya wieder nach Süden, gegen den immer schwächer wehenden Wind kreuzend. An Sortland vorbei, unter der Brücke dort hindurch, arbeite ich mich langsam in Richtung Süden zum Raftsund. Wieder muss ich für die letzten Kabellängen den Motor einsetzen. Auf der Insel Brottøya vor der nördlichen Zufahrt zum Raftsund gibt es eine schöne Bucht zum Ankern in Sand. Allerdings erschweren etwa 2 m Tidenhub die Auswahl des Ankerplatzes. Hier verbringe ich dann einen ganzen Tag und wettere das stürmische und ziemlich nasse Sauwetter ab.
Als die Sonne wieder zwischen großen Cumulinimbus-Wolken hervorkommt erwacht auch meine Segellust wieder. Vormittags befreie ich noch das Ruderblatt vom grünen Bart der letzten Wochen und verliere dabei den Teleskopstil der Bürste. Ich sehe zu, wie er langsam zum Grund in 6 m Tiefe schaukelt. Versuche, ihn mittels Wurfanker wieder aufzufischen, scheitern. Zwar bekomme ich ihn mit dem Anker zu fassen, doch beim Hochziehen gleitet er immer wieder aus den Flunken. So gebe ich schließlich auf.
Im Raftsund scheint es zunächst möglich zu segeln. Ich habe die Zeit nach den Tiden und Strömungen gewählt. Erst als etwa auf halber Strecke durch den Sund der Gegenstrom so stark wird, dass er mich zurücktreibt, merke ich bei der Überprüfung, dass ich mich irgendwie vertan habe: Statt 6 kn Mitstrom habe ich 6 kn Gegenstrom. Offenbar habe ich die Zeiten von Hoch- und Niedrigwasser vertauscht. Blöd. Gegen 6 kn Strom und Wind zu kreuzen ist zum Scheitern verurteilt. Also berge ich wieder die Segel und laufe mühsamst unter Motor gegen den Strom durch den südlichen Teil des Raftsunds. Durchs Wasser mache ich zwar schätzungsweise um die 7 kn, aber über Grund nur 1-2 kn. Es dauert. Und dauert. Bis ich endlich in den Sund in Richtung Trollfjord verlassen kann und der Strom nach einer schmalen, malerischen Durchfahrt nachlässt. Dann laufe ich langsam in den Trollfjord ein. Der Schwimmsteg des E-Werks am Ende ist von zwei Yachten belegt. Aber ich habe eh keine Lust den Rest des Tages im kalten Schatten zu verbringen und wende. Langsam treibe ich an der fast senkrecht abfallenden Felswand entlang wieder nach draußen. Es herrscht eine wunderbare Stille, kein Hauch, glattes Wasser im Fjord, nur zwischen Felsen am Ufer rauscht ein Bach. Feierliche Ruhe - bis ein RIB (Schlauchboot mit Festrupf und zwei irre starken Außenbordmotoren) aus Svolvær mit zahlenden Touristen mit ca. 30 kn in den Fjord hineinbraust. Seine hackige Hecksee bringt bei mir an Bord alles zum Poltern. Die Ruhe ist dahin. Am Fjordende wird gestoppt. Die Touristen dürfen 10 Minuten ver- schnaufen, viel zu kurz um die Felswände anzuschauen und die Größe und Stille des Fjords in sich einzusaugen. Dann rauscht das Ding an mir vorbei wieder hinaus. Nur langsam verebben die aufgewühlten Wellen und kehrt wieder Ruhe ein. Wer mal nach Svolvær kommen sollte: Man kann auch mit alten, ehemaligen Fischkuttern zum Trollfjord fahren. Da hat man viel mehr davon, Zeit zum Betrachten des Fjords und zum Sammeln von Eindrücken. Die RIB’s dagegen bringen die rastlose Hetze des modernen Tourismus auch in diesen früher ruhigen, weil abseits gelegenen, Fjord der Trolle.
Als ich gerade den Fjord verlasse begegnet mir die MS Midnatsol der Hurtigruten. Sie läuft langsam ein, wendet am Fjordende und läuft wieder heraus. Zwar viel langsamer als das RIB und doch noch zu schnell. Nur etwa 20 Minuten hat das Schiff für diese Attraktion. Ich dagegen geniesse den Fjord etwa 2 Stunden: 1 h mit dem Wind hinein, 1 h mit der Strömung hinaustreibend. Das geht aber nur bei wenig bis kaum Wind. Denn wenn er pfeift ist es recht ungemütlich hier. Die Fallböen, mit denen man dann rechnen muss, sind ziemlich kritisch. Unter solchen Bedingungen sollte man nicht zu viel Tuch stehen haben, am besten gar keins. Ich war schon oft hier, meist bei wenig oder gar keinem Wind. Nur die RIBs sind neu und stören, bringen Unruhe.
Für die Nacht laufe ich nach Süden und finde am Eingang zum Fjord Ulvågen einen guten Platz an einem Schwimmsteg. Am nächsten Morgen fährt ein Norweger mit seinem kleinen Boot hinaus zum Angeln. Als er zurückkommt spreche ich ihn neugierig an, was er gefangen hat. Er zeigt mir Dorschfilets. Die sehen so gut aus, dass mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Seine Frau wird sich über das Sonntagsmahl sicher freuen. Er erklärt mir noch, wie er angelt – seinem Fang nach zu urteilen habe ich demnach wohl einiges bislang falsch gemacht. Später spreche ich noch einen anderen Fischer an, der wieder hereingekommen ist. Der ganze Boden seines Bootes ist mit Fischen bedeckt, hauptsächlich Makrelen und Heringe, sowie einige Köhler und Dorsche. Ob ich welche haben will? Na klar, sa-ge ich erfreut. Ich suche mir zwei Makrelen und einen Hering aus. Hering habe ich noch nie geangelt und so war ich neugierig, wie er schmeckt: na ja, nicht besonders, ich kann darauf verzichten. Wir fachsimpeln noch etwas. Später, während ich meine Makrelen und den Hering filettiere, sehe ich, wie er ziemlich viele seiner gefangenen Fische wieder ins Wasser wirft, nachdem er sich wohl die besten herausgesucht hatte. Schade um den Fang und die Fische.
Dann lege ich ab und laufe ich unter Motor in den Fjord Ulvågen der Insel Stormolla im Westen des südlichen Raftsunds hinein. Dieser Fjord ist völlig unbesiedelt, nur Wald und Felsen säumen die Ufer, die sich im flauen, glatten Wasser spiegeln. Der von hohen Bergen eingefasste Graben ist nur eine Seemeile lang, aber sehr beeindruckend. Man kann am Ende zwar auf etwa 15 m ankern, doch ist das für meine Ausrüstung zu tief und zu eng. So laufe ich zurück zum Raftsund und dort nach Norden. Ich will auf den Kaiserwarden, einen Aussichtsberg, der durch die zweimalige Besteigung von Kaiser Wilhelm II. bekannt geworden ist. Das Anlegemanöver in Digermulen bei starkem, böigem S-Wind war schwierig: Ich will schon aufgeben, aber dann lasse ich mich vom Wind an den Schwimmsteg treiben - hoffentlich komme ich auch wieder weg. Den Wanderweg zu finden war nicht ganz einfach. Trotz Beschreibung von Einheimischen mache ich ziemliche Umwege und lerne so etwas die verstreuten Häuser kennen. Dann geht es endlich den Berg hinauf, mal durch dichtes Unterholz, mal über Erdrutsche und Felsstürze, dann wieder über glatte Felsplatten. Oben angekommen belohnt mich eine tolle Aussicht in alle Richtungen über die Berge beidseitig des Raftsunds. Sogar die Festlandsküste jenseits des Vestfjords ist zu sehen - sie sieht auch aus wie die Lofotenmauer. Dass ein saukalter Wind bläst und mich auskühlt schmälert meine Begeisterung kaum. Zum Glück habe ich eine warme Jacke dabei. Dick vermummt mit verfrorener roter Nasenspitze genieße ich den Rundumblick. Ich suche die Orte, wo ich schon mal gewesen war: Trollfjord, Grunnfjord, Raftsund, Hamarøy mit dem Haifischzahn, usw. usw. usw. Sogar die Insel Landego bei Bodø kann ich noch schemenhaft ausmachen, die immerhin 70 sm entfernt ist. Ich kann verstehen, dass Wilhelm II. diesen Ort ein zweites Mal besucht hat. Frierend muss ich mich viel zu schnell wieder auf den Rückweg zu meinem Boot machen, das ich aus der Vogelperspektive tief unter mir gesehen hatte. Dort entsorge noch meinen Müll und mache mich dann auf zur Gullvika, einer wilden, schönen Bucht mit Tonne und Schwimmsteg am Südwest- ende des Raftsunds, um dort den angekündigten Sturm abzuwarten.
Der bequeme Schwimmsteg dort ist von zwei norwegischen Motoryachten aus Sortland belegt, ich muss leider an die Tonne gehen. Der Wind aus Süden legt immer weiter zu und treibt peri schon fast zu nahe an den Steg, der nur noch etwa 5 m entfernt ist. Ich habe auf Legerwall liegend also keinen Raum, falls etwas passieren sollte. Nachts stürmt es mit Böen bis ca. 40 kn. Und es regnet heftig. Schlaf zu finden ist nicht einfach. Nachdem die Motoryachten am späten Vormittag wohl wegen des nassen, windigen Wetters offensichtlich die Heimfahrt antreten und den Steg verlassen, kann ich in einem ziemlich anstrengenden Manöver von der Tonne gehen und am Steg anlegen. Der starke, böige Wind baut selbst auf der kurzen freien Strecke in der Bucht Wellen von gut einem Meter auf, die mein Boot ziemlich wild am Steg tanzen lassen. Mit der doppelten Anzahl an Leinen und Fendern wie sonst versuche ich das Stampfen und Scheuern am Steg in Grenzen zu halten. So schön die Bucht ist, so unangenehm ist dieses Wetter. Erst am nächsten Tag, als es etwas ruhiger wird, kann ich an Land gehen und zu dem Sommerhäuschen wandern, das sich dort jemand in der abgeschiedenen, unbe- rührten Natur gebaut hat. Ein Häuschen mit einigen kleineren Nebengebäuden wie Backofen, Räucher- kammer, Sauna, Werkstatt, Wasserbecken u.a.m. Im Sommer lässt es sich hier sicher gut leben. Aber jetzt im beginnenden Herbst ist es schon j.w.d. ... .
Endlich kann ich wieder Weitersegeln. Es ist schon September und ich muss unbedingt viel Süd ma- chen. 20 - 24 kn Wind hört sich noch passabel an, aber im Vestfjord baut sich schon eine unangeneh- me See auf. Ich kann hoch am Wind gerade eben noch mein Ziel anliegen. Doch so ganz wohl fühle ich mich nicht, wenn hin und wieder ein Brecher über das Boot herfällt. Endlich erreiche die Festlands- küste westlich von Engeløya (südlich der Insel Hammarøy) und kann ins ruhigere Innenfahrwasser zwischen vielen Schären einlaufen. Aber der Wind dreht, ich muss kreuzen, was hier nicht ganz einfach ist. Weiter kreuze ich gegen auffrischende Wind weiter nach SW, vorbei an Nordskot, wo eine weite Ankerbucht verführerisch flüstert: bleib hier, plag dich nicht ... aber wird das Wetter morgen besser? So segle ich durch enge, vom Sand smaragdgrün gefärbte Sunde weiter. Es gibt einige schöne Sandbuchten am Weg, aber das Wetter ist nicht schön genug um sie geniessen zu können. Ich kreuze weiter durch Schären, der Wind lässt nach. So sehr, dass die zuerst erreichbar scheinende Insel Landego wieder in unerreichbare Ferne rückt. Dafür finde ich die schöne weite Bucht Korsvik- sanden (78,8° N 48,6° E) zum Ankern für die Nacht. Der ruhige Sonnenuntergang und Abend lädt ins Cockpit ein, wo ich nach Fisch, Salat und Wein die Bettschwere finde.
Noch in der Morgenflaute lichte ich den Anker und treibe langsam nach SW. Da es nichts zu tun gibt bereite ich meine Angel vor: Entsprechend den Tipps des Fischers in Ulvågen nehme ich meinen größten Metallköder und befestige auch am Kopf einen Drillingshaken. Und siehe da: Kaum war dieser Haken auf vielleicht 80 - 100 m Tiefe zerrt ein Fisch heftig an der Angel. Ich hole ih ein und hieve einen kapitalen Köhler an Deck. Ich muss den Kescher benutzen, damit der ca. 6 kg schwere und ca. 70 cm lange Fisch nicht nicht vom Haken reißt. Die Pütz ist zu klein. Und weil ich es kaum glauben kann, werfe ich die Angel noch einmal aus - prompt beißt wieder ein Fisch. Doch als ich ihn an Bord holen will fälltt er vom Haken. Also versuche ich es ein drittes Mal. Und dieses Mal schaffe ich es, einen weiteren großen Köhler an Deck zu holen. Das gibt Fisch satt für drei Tage. Zum Glück ist es noch immer flau, do daß ich mich gleich ans Filettieren machen kann: Etwa 6 kg feinstes, frisches Fischfilet in 8 Portionen (ich muss die Filets teilen, damit sie überhaupt in die Boxen für den Kühlschrank passen) sichern die Verpflegung der nächsten Tage. Ich bin gerade fertig, als ein böiger, launischer Wind (Fallwinde) aus Ost mich in Richtung Bodø voranbringen. Dort gehe ich in den Hafen, um etwas Proviant zu ergänzen und Diesel zu tanken. Neben einem großen Charter-“Schlitten“ mit 45-50 Fuß wirkt mein Boot Peri recht klein und zerbrechlich. Als ich Bodø dann am Nachmittag verlasse, ist es flau. Trotzdem setze ich auf Wind hoffend die Segel. Schließlich muß ich aber doch den ungeliebten Motor bemühen, um über den Saltfjord zu kommen.
Nach einer ruhigen Nacht an einem Steg im Røssoysund folgen zwei ruhige Tage. Nur langsam komme ich voran. Und weil bei dem Wind keine großen Strecken zu erwarten sind, könnte ich ja statt zu dümpeln auch unter Motor zum Svartisen laufen und dort zum Gletscher wandern. Das mache ich dann auch. Wieder erlebe ich den Holandsfjord spiegelglatt, wie schon 2001 und 2015. Langsam nähere ich mich dem weiß und blau glänzenden Eis des Svartisen. 2001 gab es noch einen großen, hölzernen Schwimmsteg hier, der aber inzwischen vom Eis im Fjord zerstört worden ist. 2015 erlebte ich an zu kurzen, darum heftig im Sturm aus West stampfenden Schwimmpontons eine sehr ungemüt- liche Nacht (ich wechselte dann später in den anderen, nördlichen Arm des Fjords in die etwas ruhige- re Holndsvika). Dieses Mal finde ich einen neuen Schwimmsteg vor, größer und sehr viel stabiler. Hier liegt man jetzt wieder gut. Beim Anlegen hilft mir ein Bootsführer von einem RIB am Steg. Es stellt sich heraus, dass er Touristen- und Gletscherführer ist und auf seine Gruppe wartet, die zum Gletscher unterwegs waren. Er gibt mir einen Tip, dass ich unbedingt den Nordfjord auf der anderen S-Seite des Bergkamms im Süden des Svartisen besuchen und dort eine Nacht verbringen sollte, die ich nie im Leben vergessen würde: einsam, abseits: Natur pur ... Aber zunächst machte ich mich in warmer Sonne auf den Weg zum Gletscher. In der Ebene geht es flott voran, aber dann wird es steil, felsig, uneben, was meine Knie nicht so gut finden. Trotzdem kämpfe ich mich, den Weg abzukürzen versuchend (was zu einem versuch-und-umkehr-Weg entartet) nach oben. Schließlich bin ich am Eis, von dem ich aber gebührenden Abstand hielt (es hatte dieses Jahr schon einige Unfälle unvorsichtiger Eistouristen gegeben). Im Gegensatz zu 2015 nehme ich diesmal auch kein Eis für einen Drink an Bord mit: Das Eis ist unglaublich hart, ich konnte damals kaum ein Stückchen heraushacken und nur Bruchstücke vom Felsboden auflesen, die auch viel mehr schwarze Steinchen und Sand enthielten, als es aussah). Hin und wieder sehe ich in der Ferne kleine blaue, rote und grüne Pünktchen, die sich auf dem Fels bewegen: Es sind Wanderer, die sich in der Weite der Felsen schier verlieren. Über glatt geschliffene, schiefe Ebenen rutschte ich hinunter und durchkletterte dann wieder auch tiefe, schroffe Spalten. Abseits des Weges war es wie im Irrgarten. Doch sah man in der Ferne das Ziel, das man ansteuern konnte.
Zurück an Bord verschnaufe ich kurz mit einer Brotzeit und mache mich dann auf den Weg hinaus zur Küste nach Amøyhamn, wo ich die Nacht verbringen will. Aber die vielen Motorstunden haben den Tank geleert, ich will aber unbedingt nur mit vollem Tank in den Nordfjord fahren, denn man weiß nie, ob man im Fjord passenden und ausreichenden Wind hat, um ihn notfalls mit Maschine wieder zu verlassen zu können. Die Suche nach einer Tankstelle gestaltet sich allerdings schwierig: Die Angaben hierzu in Handbüchern und Karten stimmten nicht mehr, die angepeilte Zapfsäule existiert zwar noch, aber sie liegt funktionsunfähig neben dem Steg. Erst als ein Motorboot auf mein Winken mit beiden Armen hin endlich längs kommt und mir dann sogar den Weg vorausfahrend zeigt, finde ich eine kleine Marina mit Tankstelle, die in einer schmalen Bucht mit bei Niedrigwasser fast trockenfallender Zufahrt sehr versteckt liegt (westlich der Halsbukta an der Ostseite der Insel Esøya): Das hätte ich nie alleine gefunden. So aber kann ich doch beruhigt noch nach Amnøyahamn laufen und dort wieder einmal in der kleinen Bucht in Sand ankern.
Den vollen Tank benötige ich dann auch. Zwar habe ich zunächst guten Segelwind um nach Süden zu kreuzen, doch im Værangfjord und Sørfjord bläst es mit bis zu 40 kn. Gegen den Wind und gegen den kurzen, steilen, weiß schäumenden Seegang habe ich ohne Motor keine Chance. Zum Glück flaute es mittags dann etwas ab und ich kann doch noch den Nordfjord erreichen. Kaum bin ich aus dem Melfjord kommend um eine Ecke herum im Nordfjord ist es ruhig. Zu ruhig. Dafür kann ich eine zauber- hafte Bucht als möglichen Übernachtungsplatz auskundschaften wie auch glatte Felsen davor, die zum Baden in Sonne und Wasser einladen. Dann laufe ich unter Motor weiter in den zwar kurzen, dafür aber um so beeindruckenderen Fjord hinein. Hoch oben auf den steilen Flanken der Berge glänzt das Eis der Gletscher in der Sonne. Unten am Ende des Tales wächst ein grüner Birkenwald. Dazwischen auf dem zunächst dunkelblauen, tiefen Wasser des Fjords, später mehr grün-grauen Schmelzwasser des Gletschers, toben sich Windböen und Windhosen aus, so dass das Wasser in feinen Wirbeln auf- stiebt und Wassernebel die Luft vernebeln. Ich wäre ja sehr gerne der Empfehlung folgend dort für eine Nacht geblieben, aber der steinige Grund fällt recht steil ab und die Fallböen mit 30 kn und mehr sind auch nicht friedlich: Es ist zu gefährlich und ungemütlich. Zwar ist es hier traumhaft und beeindruckend schön, aber bleiben kann man hier nur bei verlässlich ruhigem Wetter. Also kehre ich um und genieße den Fjord nur mit Vorsegel langsam vor den Fallböen wieder nach Westen hinauslaufend. Dort ist es - oh Wunder - flau. Ob ich Ranga für die Nacht noch erreichen kann? Ich suche schon andere Möglichkeiten, die hier recht spärlich gesät sind, doch es reicht gerade noch in die gute Bucht im Westen der Insel Renga. Statt am Schwimmsteg machte dieses Mal an einer der vier Tonnen fest.
Nachts dreht der Wind in alle Richtungen. Auch morgens kommt er mal aus Nord (was gut wäre) und dann wieder aus Süd, was Gegenan bedeuten würde. Und die Stärke bewegte sich zwischen 0 und 20 kn. Ich zweifele an der Windvorhersage von SSE 30 + kn und machte mich darum auf den Weg. Kaum bin ich im freien Wasser, flaut es ab. Das erste Reff scheint mir nicht angemessen und so reffe ich aus. Nach einer Viertelstunde legt der Wind dann zu und weht zunehmend aus Südost. Ich reffe wieder ein, zuerst ins erste, nicht lange danach sogar ins zweite Reff. Der böige Wind wirft steile, kurze Wogen auf, Gischt weht von brechenden Kämmen, es „regnet“ waagerecht. Ich muss hoch an den Wind gehen, auch kreuzen. Also rolle ich die Genua ganz ein. Das Großsegel traue ich mich nicht ganz zu bergen, aus Angst, dass das Killen dabei das Segel zerreissen könnte. Ich werfe den Motor an und halte nun das Boot hoch am Wind, so dass der Wind nicht voll im Segel steht. Ziemlich langsam kämpfe ich mich gegen die Brecher zur Luvküste um die Abdeckung dort zu erreichen. Es dauert. Und mehrmals scheint es, als dass ich es nicht schaffen könnte und umkehren müsste. Doch das würde zum einen ein ziemliches Risiko beim Halsen bedeuten und zum anderen einen Tag Nichtstun in der Bucht von Ranga. So kämpfe ich mich auf des Messers Schneide gegen Wind durch die Wogen. Ausgerechnet jetzt begegnet mir die Hurtigruten MS xxx. Aber die Leute auf deren Brücke sehen wohl, dass ich ziemlich am Limit kämpfe und machen einen weiten Bogen um mich, bevor sie vor dem Wind um die Huk drehen. Endlich komme ich in die Abdeckung, langsam wird es ruhiger. Dicht unter Land hole ich das Großsegel ganz herunter. Hier ankern? Wegen der Wassertiefe müsste ich sehr dicht ans Ufer gehen, das sieht nicht sehr sicher aus. so laufe ich unter Maschine am Ufer entlang in Richtung der Insel Vikingen mit dem Polarkreismonument (Polarcircelen), das jedem Hurtigruten-Gast ein Begriff ist. Dort herrscht Flaute: Die Sturmböen kamen nur aus dem Sørfjord,
Vikingen liegt im Windschatten der Uferberge. So gibt es innerhalb von nur 1-2 Meilen einerseits Sturmböen bis fast 40 kn und andererseits Flaute. Bei Vikingen dümpeln Angler in ihrem kleinen Boot, während nicht weit davon um die Ecke Sturmböen das Wasser aufpeitschen: Typisch Norwegen.
Allmählich treibe ich in einen Windstrich, setze wieder Segel und gewinne langsam wieder an Fahrt. Es bleibt den ganzen Tag so: Stürmische Böen bis 40 Kn folgen auf Flauten. Glatte See wird plötzlich aufgewühlt um sich dann wieder zu beruhigen und sich nur sacht zu kräuseln. Mehrfach muss ich erst einreffen und kurz darauf wieder ausreffen. Sonne wechselt mit Regen. Zwischen weißen Wolken spannt sich mal ein Regenbogen vor blauem Himmel. Dann wieder verschwindet alles um mich im Grau prasselnden Regens. Schöne Stimmungen wechseln ständig mit ungemütlichen. In einer Bö rutscht der Knoten der Genuaschot durch den Ring am Hals des Segels. Wild schlägt es um sich. Es einzurollen dauert zu lange: Bis es eingerollt ist sind die Fenster im Segel für die Windfäden zerrissen und die die Klemmen für das Achterliekbändsel ausgerissen. Mit dem Motor laufe ich wenige Meilen zur Bucht Sovikvågen südlich des Flugplatzes von Sandnesjøn, um dort zu ankern. Man täuscht sich dort leicht über die Wassertiefe, da der Tidenhub dort ungewöhnlich groß ist und man bei Hochwasser leicht zu nah ans Ufer geht. Aber diese Erfahrung hatte ich schon in einer früheren Nacht, die ich dort ankerte, gemacht. So war ich vorsichtig. Dann versorge ich notdürftig mit Klebeband und Takelgarn die Schäden an der Genua, um sie weiter nutzen zu können. In der Nacht rauschen die Bäume auf den Felsen gewaltig. Ich kann kaum schlafen in Sorge um den Anker. Aber er hält. Morgens läßt der Wind Gott sei Dank nach. Und als ich dann aufbrechen kann war schon wieder kaum ausreichend Wind um zu segeln. Zwischen den Schären südöstlich von Sandnesjøn frischt es auf und im ruhigen Wasser zwischen den Schären machte ich flotte Fahrt. Bis die Schären aufhören. Im offenen Wasser noch 20 sm nördlich von Brønnøysund baut sich allmählich eine bockige See gegen mich auf. Ich versuche mit Motorunterstützung in die Abdeckung im Osten zu kommen und muss wieder gegenan steuern. Es ist nass und sehr ungemütlich. Ich kenne die Gegend von früher und wage mich darum zwischen Inseln und in schmale Sunde. Aber plötzlich fallen unerwartet wieder starke Böen über mich her. Und als ich wieder zurück ins offene Wasser laufe wird es noch schlimmer: Aus dem Velfjord bläst ein Sturm und treibt eckige Wellen vor sich her. Es ist hart. Endlich erreiche ich Küste und die Abdeckung südlich des Fjords, es wird wieder etwas ruhiger. Brønnøysund passiere ich unter Motor mit der Strömung. Schnell liegt der ausgestorben wirkende Ort hinter mir. Dann im freien Wasser braust es wieder auf, aber Gott sei Dank nicht sehr lange. Mit nur noch 5 Bft kann ich hoch am Wind segeln - bis dann wieder mal wenige Meilen vor meinem Zielort für diesen Tag der Wind einschläft und ich nur mit dem Motor Sør Gutvika für die ruhige Nacht erreiche.
Es folgt ein schöner Segeltag zwischen Inseln hindurch nach Rørvik. Wind von vorne, von der Seite, von achtern - es ändert sich ständig. Ich hoffe weit zu kommen, was anfangs auch klappt. Aber von Rørvik aus unter der Hängebrücke hindurch in die Folla hinaus lässt der Wind immer mehr nach. Der Himmel bezieht sich, den Wolken nach zieht von Süden ein Tief herauf, morgen soll es stürmisch werden. Ich brauche also einen guten Platz für die Nacht. Um die Riffe bei Buholm Rasa hinter mich zu bringen laufe ich schließlich mit geborgenen Segeln unter Motor zwischen den Riffen nach Süden. Auf ihnen steht Brandung, während ansonsten die See bei hoher Dünung glatt ist. Ich wähle Vingsand, einen kleinen geschützten Hafen. Schon abends legt der Wind wieder zu und braust in der Nacht durch die Masten und schlagenden Fallen der wenigen Segelboote. Es regnet. Ich hoffe und warte auf Besserung. Der Wetterbericht hat 30 kn und mehr aus Südwest angekündigt, also gegenan. Segeln? Ich bin unschlüssig. Aber der Ort gefällt mir nicht um zu bleiben.
Als sich das Wetter etwas beruhigt mache ich mich auf den Weg. Ich habe im Hafen schon das erste Reff eingebunden. Nachdem ich Segel gesetzt habe muss ich gleich noch das zweite Reff einbinden. Und wenig später sogar das nur selten gesetzte dritte Reff in Großsegel und Vorsegel. Die See ist bockig, trotz der kurzen Strecken, auf denen sie sich aufbaut. Ich muss kreuzen. Um gegen den See- gang anzukommen nehme ich den Motor zu Hilfe. So geht es dann den ganzen Tag bis zum Stokk- sund gegen Wind mit 30-38 kn, steilen Seegang und horizontal fliegendes Wasser. Immer wieder versuche ich in Abdeckungen mit etwas ruhigerem Seegang zu kommen und zu bleiben, was aller- dings navigatorisch recht schwierig ist. Auf Legerwall ist mir nicht ganz wohl, der Wind heult und pfeift und die schlagende See zermürbt. Völlig durchnässt und verfroren erreiche ich den Stokksund. Und dort im tiefen Sund zwischen hohen Bergen ist es auf einmal ziemlich ruhig. Dabei ist ruhig recht relativ: Wenn es länger mit 30-35 kn braust, kommen einem 20-25 kn schon erholsam und ruhig vor. Dabei möchte ich bei mehr als 20 kn Wind eigentlich gar nicht mehr segeln. Beim Stokksund weiß ich eine Tankstelle und hatte schon lange vorher geplant, dort zu tanken. Aber bei diesem starken Wind aus SW ist es schon fast waghalsig an den in der See tanzenden Schwimmsteg zu gehen. Es ist viel zu wenig Raum um ein ordentliches Manöver zu fahren. Irgendwie komme ich hin und zum Glück nimmt ein junger Norweger die erste Leine an und belegt sie. Ich muss alle meine Fender ausbringen, um das Boot gegen den tanzenden Steg abzusichern. Doch dann kommt das nächste Problem: Normalerweise legt man zum Tanken weiter innen an, was mir aber bei diesem Wetter zu gefährlich erschien. Bis dorthin, wo ich nun liege, reicht der Schlauch des Zapfhahns nicht. Es fehlen 1- 2 m. Also setze ich meine Bugleinen dichter und verhole Peri mühselig weiter gegen den Wind. Aber viel ist wegen des zu kurzen Stegs nicht möglich. Reicht es nun? Beim Versuchen brauche ich zu lange, der Schlauch scheint zu reichen, aber die Abschaltautomatik greift. Also ein zweiter Versuch. Während der Betreiber der Tankstelle mir hilft und am Schlauch zieht, zerre ich den Zapfhahn gerade noch in den Einfüllstützen - es hätten keine 10 cm mehr sein dürfen. So kann ich tanken, gerade noch so. Nach dem Tanken Weitersegeln? Es gibt nicht weit entfernt eine geschützte Bucht. Da sie aber recht tief ist und der Wind etwas abzuflauen scheint, entschließe ich mich (leider) doch weiter zu segeln. Ich setze alle Segel im zweiten Reff und kreuze gegen den Wind. Es sind nur 10-15 sm bis zu guten Ankerplätzen. Doch gegen Wind und See wird mir das zu weit. Auf halber Strecke finde ich einen Ankerplatz mit Sand in der Karte und lauf dorthin. Beim zweiten Versuch greift der Anker. Bei nur 3-4 m Wassertiefe stecke ich doch 16 m Kette und 15 m Leine. Da aber die Abdeckung schlechter als nach der Karte gedacht ist und darum das Boot ziemlich heftig stampft, entschließe ich mich schließlich doch wieder Anker auf zu gehen und mich weiter gegen den stürmischen Wind nach Süden zu kämpfen. Eigentlich sollte es endlich mal ruhiger werden, wird es auch, aber viel später als erhofft. Ich komme wieder in eine Abdeckung, es wird endlich ruhiger. Ich steuere einen als guten Ankerplatz bezeichneten Ort an. Aber es ist eng, tief, nah am Ufer und der Anker hält zweimal nicht. So laufe ich doch noch weiter in den Scheitel der Bucht Sandnesvågen, obwohl es schon dunkel wird. Es ist schon Nacht als ich endlich an einer Tonne festmachen kann. Doch sie liegt recht nahe an einer anderen Tonne, an der das Wrack einer Segelyacht hängt. Es geht gerade so. Aber nach diesem anstrengen- den Tag reicht es mir - ich ziehe die nassen Klamotten vom Körper und schlüpfe in Fleece-Pulli und -Hose. Zum Kochen reicht meine Kraft nicht mehr, etwas Brot und eine Heringsdose müssen reichen.
Am folgenden Morgen weht kaum Wind. Erst kann ich ja noch segeln, aber dann folgt totale Flaute - obwohl die Wolken im SW schon wieder eine Schlechtwetterfront ankündigen. Am Nachmittag brist es etwas auf. Ich kann gut segeln und passiere das „Rote Hochhaus“ (eigentlicher Name ist Kjeung- skæret), einen der bekanntesten Leuchttürme Norwegens. Dort läuft etwas entfernt eine kleine Yacht unter Motor, ein Spitzgatter und deutscher Flagge. Ich laufe um die 6 kn. Als die auf dem Boot das sehen, setzen sie auch Segel, bleiben aber schnell weit zurück. Meine Freude währt nicht lange, als eine schwarze Front heranzieht. Da der Wind nicht zulegt, hoffe ich, dass es so bleibt. Aber als ich ge- rade in einem Sund mit starkem Strom gegenan bin, fällt eine Bö über mich her. Das Spektakel dauert nur etwa 20 Minuten, Aber diese Zeit reicht um mir viel Reffarbeit abzunötigen und mich wieder bis auf die Haut zu durchnässen. Hätte ich doch nach Storfosna gehen sollen, in eine schöne, na- hezu kreisförmige Bucht mit zwei T onnen, also recht „bequem“? Dann war es wieder flau. Ich finde einen guten Platz mit einer Tonne in der Bucht Bystingholmen und verbringe eine ruhige Nacht.
Leider geht es dann weiter gegenan. Zuerst hat es nur 10-15 kn, aber dann brist es in der Trondheim Leia bis auf 35 kn auf, und zwar gerade an der engsten Stelle beim Leuchtturm Terningen. Ich versuche nur unter Segeln gegen Wind und Strom anzukreuzen, was streckenweise nicht gelingt: Ich treibe zurück. Endlich lässt der Wind etwas nach, so dass ich dann Höhe gut machen kann. Auf einem weiten Schlag in den ruhigen Hemnfjord mache ich Mittagspause. Dann geht es weiter, doch flaut der Wind allmählich ganz ab. Meine Angelversuche bleiben erfolglos. Der Wetterbericht kündigt für die Nacht und den nächsten Tag Sturm aus Südwest an. Dies durchkreuzt meine Pläne, in einem schö-nen, mir schon bekannten Archipel um Berrøya zu ankern. Ich muss mir einen besser gegen SW geschützten Platz suchen. Aber es gibt nur wenige Möglichkeiten. Edøya wäre so eine, aber da muss ich von der westlichen später auf die andere, östliche Seite der Trondheim Leia wechseln. Auf der gibt es kaum geeignete Orte. Erst recht weit entfernt finde ich die Halsbukta, die sehr geschützt in einem Seitenfjord liegt. Also werfe ich den Motor an und laufe mit 6-7 kn dorthin. Nach 4 Stunden erreiche ich im Regen, der inzwischen eingesetzt hatte, die Bucht. Es liegen sogar zwei große gelbe Tonnen aus, die für große Fischtrawler gedacht sind. „Prima“ denke ich mir, die halten sicher im Sturm, und mache an einer fest. Das gestaltet sich aber etwas schwierig: die Tonne ist hoch und unten hängen dicke, schwere Trossen. An diesen hänge ich meine Hahnepot ein. Die Trossen verdrehen sich später mit meinen Leinen, doch ich wähne mich an eine sicheren Ort. Aber das sollte sich ändern: Nachts kommt der Sturm und mit ihm pfeifen Fallböen von den umliegenden Bergen aus allen Richtungen. Peri dreht sich dementsprechend in alle Richtungen, die Tonne gerät zwischen Seitenschwimmer und Mittel- rumpf. Als es einmal richtig heftig donnert gehe ich mitten in der Nacht nach oben um nach dem Rechten zu sehen. Da sehe ich die Bescherung: die Tonne war unter das achtere Backbord-Was- serstag gedrückt worden, so dass sich dieses an dem Pütting auf der Tonne verhakte. Die Leinen sind völlig verdreht und hängen im Ruder und in der Schraube. Befreien bei Nacht, Sturm und Regen ist unmöglich. Ich muss warten bis es wieder hell wird und verbringe eine unruhige Nacht ohne Schlaf. Am ruhigen Morgen dann befreie ich das Boot und schere die Leinen neu. Dass ich dabei einen größeren Schaden (Bruch des Wasserstages und ein Leck im Rumpf an seinem Pütting) davongetragen habe, bemerke ich zunächst nicht. Das Wetter beruhigt sich während des Tages weiter. Die zweite Nacht dort ist ruhig. Nur hin und wieder dreht eine Fallbö das Boot um sich selbst.
Schließlich kann ich am Sonntag den Ort verlassen. Es ist ruhiges Wetter angekündigt, gut für die Passage der Hustadvika. Aber statt eines günstigen, mäßigen achterlichen Windes habe ich Flaute. Mit Hilfe des Motors laufe ich durch glattes Wasser nach Kristiansund um dort zu tanken. Dann gehts es weiter in das gefürchtete Seegebiet Hustadvika. Aber die See ist ruhig, nur in der Ferne sehe ich Brandung auf Riffen. Mittags kommt etwas Wind auf, so dass ich bei 2-3 Bft mit halbem Wind segeln kann. Das Wasser ist ruhig. Kurz vor Bud flaut der Wind ganz ab, eine Regenwand zieht herauf. Mit geborgenen Segeln laufe Ich unter Motor in die Gullvika und mache wie schon am Hinweg an derselben Boje fest. Hier will ich den kommenden Sturm am nächsten Tag abwettern.
Der Sturm kommt nachts und ist heftig. Leider kommt er etwas nördlicher als angekündigt, so dass die See zwischen den Schären hindurch in die Bucht läuft. Ich liege voll im kurzen, steilen Seegang. Noch nie habe ich eine so kurze und steile See erlebt. Peri stampft unerträglich. So mache ich nachts kaum ein Auge zu. Am nächsten Morgen sehe ich, wie der Sturm und die See draußen vor den Schären toben: alles ist weiß. Mittags lässt der Wind endlich nach. Ich kontrolliere die Bilgen und Batterien. Dabei fällt mir an einer eigentlich dunklen Stelle Tageslicht auf. - Wo kommt das her? Bei der Suche nach der Ursache entdecke ich die Lichtquelle: In der Außenhaut ist ein ca. 60 cm langer Riss knapp über der Wasserlinie, durch den Tageslicht fällt. Warum? Wieso? Er erstreckt sich vom Pütting für das Wasserstag nach vorne und achtern. An Segeln ist mit diesem Leck nicht mehr zu denken. Mir fällt ein, dass die Bilgepumpe mal gearbeitet hatte, aber ich hatte das nicht weiter beachtet, da das bei schwe- rem Wetter des öfteren geschieht, wenn das hin- und her schwappende Bilgenwasser den Schwimmschalter auslöst. Der Schreck sitzt tief. Was tun? Ich telefoniere mit einem norwegischen Segler, der mir eine Marina in Ulsteinvik südlich von Ålesund ausfindig macht, wo ich den Schaden reparieren lassen könnte. Da der Wetterbericht für den folgenden Tag ruhiges Wetter ankündigt, will ich versuchen mit Motor diesen Ort zu erreichen.
An einem grauen und regnerische Nasen Tag, dem 18.9.18, gelingt mir das auch. Allerdings ist der Wind zeitweise stärker und erreicht sogar 20 kn. Doch der Seegang hält sich in Grenzen, es dringt nur wenig Wasser ins Boot, das die Lenzpumpe mühelos wieder außenbords pumpt. Ich bin froh ohne weitere Blessuren die Marina in Ulsteinvik zu erreichen.
Dann folgen 3 kalte und nasse Wochen Warten:
Als erstes habe ich mit der Werft telefoniert, um die mögliche Schadensursache und Auswirkungen des herauszufinden:
1.Entweder ist es nur ein Riss in der Aussenhaut
2.oder der Beschlag, an dem das Wasserstag angeschraubt ist, ist gebrochen
3.oder das Zugband selbst, das den Zug aus den beiden Wasserstagen der Seitenrümpfe im Mittelrumpf aufnimmt und gegeneinander aufhebt, ist gebrochen.
In den Fällen 2 und 3 wird das Pütting zusammen mit der verklebten Rumpfschale nach außen gezogen reißt dabei die Aussenhaut auf.
Fall 1 wäre relativ einfach zu reparieren, ein Weitersegeln in 2 zwei bis drei Wochen absehbar. Die beiden anderen Fälle würden eine größere Reparatur während des Winters erfordern.
Um das Zugband und seine Befestigung am Pütting sehen zu können, muss erst eine Inspektions-öffnung in das Laminat der Backskiste an Bb im Cockpit gesägt werden. Dann sehe ich zwar die äußeren 2 Schrauben der Verschraubung, aber erst mit einer Endoskopkamera kann ich die dritte, innere Schraube und das Zugband sehen: Dieses ist an an der innersten Schraube gebrochen. Damit ist die Ursache klar: Da das Zugband das Pütting nicht mehr gehalten hatte, zog der Zug im Wasserstag das Pütting samt verklebter Rumpfschale nach außen und riss dabei die Aussenhaut auf. Ohne Zugband kann der Trimaran nicht gesegelt werden, eine größere Reparatur ist also unum- gänglich.
Dann benachrichtige ich die Versicherung, die einen Gutachter schicken will.
Dann warte ich auf die Entscheidung der Versicherung: Das Boot soll per Lkw nach Dänemark zur Bauwerft gebracht werden, da dort die Reparaturkosten niedriger als im teuren Norwegen sind.
Dann warte ich auf die Organisation des Transportes und
schließlich warte ich auf das Verladen.
In dieser Zeit schneit es, auf den umliegenden Berge liegt Ende September schon Schnee bis auf ca. 200 m üNN herunter. Nachdem ich die Segel abgeschlagen habe und andere Arbeiten zum Auswassern erledigt sind, verbringe ich die meiste Zeit des Wartens in der Bibliothek von Ulsteinvik: Dort ist es warm, es gibt WLAN mit Internet, und ich kann mich mehr und abwechslungsreicher bewegen als an Bord. Schließlich überführe ich peri unter Motor am 7. Oktober an einem einigermaßen ruhigen Tag nach Ålesund, da der Transport von dort auf den Strassen einfacher ist (ein dreispuriger Tunnel bereitete Probleme). Es ist saukalt. Durchfroren komme ich in der Aspevågen Marina in Ålesund an. Am Sonntag scheint nochmal die Sonne, ich besuche das Aquarium und das Sunn-Møre-Museum. In den folgenden Tagen, als ich peri zum Auswassern vorbereite, regnet und stürmt es wieder stundenlang.